Der Hilferuf der
Rütli-Schule, Berlin - Neukölln(30.03.2006, 13:27 Uhr)
«Wie in der Schulleitersitzung am 21.2.06 geschildert, hat sich die
Zusammensetzung unserer Schülerschaft in den letzten Jahren dahingehend
verändert, dass der Anteil der Schüler/innen mit arabischem Migrationshintergrund
inzwischen am höchsten ist.
Er beträgt zurzeit 34,9 %, gefolgt von 26,1 % mit türkischem Migrationshintergrund.
Der Gesamtanteil der Jugendlichen n.d.H. (nicht deutscher Herkunft)
beträgt 83,2 %. Die Statistik zeigt, dass an unserer Schule der Anteil
der Schüler/innen mit arabischem Migrationshintergrund in den letzten
Jahren kontinuierlich gestiegen ist.
.... In unserer Schule gibt es keine/n Mitarbeiter/in aus anderen Kulturkreisen.
Wir müssen feststellen, dass die Stimmung in einigen Klassen zurzeit
geprägt ist von Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen
gegenüber.
Notwendiges Unterrichtsmaterial wird nur von wenigen Schüler/innen mitgebracht.
Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen wächst: Türen werden eingetreten,
Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen
von den Flurwänden gerissen.
Werden Schüler/innen zur Rede gestellt, schützen sie sich gegenseitig.
Täter können in den wenigsten Fällen ermittelt werden. Laut Aussage
eines Schülers gilt es als besondere Anerkennung im Kiez, wenn aus einer
Schule möglichst viele negative Schlagzeilen in der Presse erscheinen....
Unsere Bemühungen die Einhaltung der Regeln durchzusetzen, treffen auf
starken Widerstand der Schüler/innen. Diesen Widerstand zu überwinden
wird immer schwieriger. In vielen Klassen ist das Verhalten im Unterricht
geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes
Auftreten.
Lehrkräfte werden gar nicht wahrgenommen, Gegenstände fliegen zielgerichtet
gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert. Einige
Kollegen/innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit
sie über Funk Hilfe holen können.
Die Folge ist, dass Kollegen/innen am Rande ihrer Kräfte sind. Entsprechend
hoch ist auch der Krankenstand, der im 1. Halbjahr 05/06 höher war als
der der Schüler/innen.... Einige Kollegen/innen stellen seit Jahren
Umsetzungsanträge, denen nicht entsprochen wird, da keine Ersatzkräfte
gefunden werden.
Auch von den Eltern bekamen wir bisher wenig Unterstützung in unserem
Bemühen, Normen und Regeln durchzusetzen. Termine werden nicht wahrgenommen,
Telefonate scheitern am mangelnden Sprachverständnis. Wir sind ratlos.
Über das QM (Quartiersmanagement) haben wir zwei Sozialarbeiter/innen
mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund beantragt, um vor
allem mit den Eltern ins Gespräch zu kommen. Aber diese Maßnahme allein
wird die Situation nicht deeskalieren.
Seit Anfang dieses Schuljahres (05/06) ist die Schulleiterin erkrankt
und wird in den vorzeitigen Ruhestand gehen. Die erweiterte Schulleitung,
bestehend aus vier Lehrer/innen, hat bis Dezember 05 die Schule geleitet,
dann wurde eine kommissarische Schulleiterin aus diesem Kreise ernannt.
Wenn wir uns die Entwicklung unserer Schule in den letzten Jahren ansehen,
so müssen wir feststellen, dass die Hauptschule am Ende der Sackgasse
angekommen ist und es keine Wendemöglichkeit mehr gibt. Welchen Sinn
macht es, dass in einer Schule alle Schüler/innen gesammelt werden,
die weder von den Eltern noch von der Wirtschaft Perspektiven aufgezeigt
bekommen, um ihr Leben sinnvoll gestalten zu können. In den meisten
Familien sind unsere Schüler/innen die einzigen, die morgens aufstehen.
Wie sollen wir ihnen erklären, dass es trotzdem wichtig ist, in der
Schule zu sein und einen Abschluss anzustreben?
Die Schüler/innen sind vor allem damit beschäftigt, sich das neueste
Handy zu organisieren, ihr Outfit so zu gestalten, dass sie nicht verlacht
werden, damit sie dazugehören. Schule ist für sie auch Schauplatz und
Machtkampf um Anerkennung. Der Intensivtäter wird zum Vorbild. Es gibt
für sie in der Schule keine positiven Vorbilder. Sie sind unter sich
und lernen Jugendliche, die anders leben, gar nicht kennen. Hauptschule
isoliert sie, sie fühlen sich ausgesondert und benehmen sich entsprechend.
Deshalb kann jede Hilfe für unsere Schule nur bedeuten, die aktuelle
Situation erträglicher zu machen. Perspektivisch muss die Hauptschule
in dieser Zusammensetzung aufgelöst werden zu Gunsten einer neuen Schulform
mit gänzlich neuer Zusammensetzung.
Kurzfristig brauchen wir eine Erhöhung der Lehrer/innenausstattung,
um Ruhe in den Schulalltag zu bringen, der, wie oben erwähnt, geprägt
ist durch Unterrichtsausfall und Vertretungsunterricht... Wir brauchen
die tägliche Präsenz einer Fachkraft, die uns bei Deeskalation und Krisenintervention
hilft... 2009 wird unser Schulgebäude 100 Jahre alt und wir hoffen,
dass bis dahin eine Schule geschaffen werden kann, in der Schüler/innen
und Lehrer/innen Freude am Lernen bzw. Lehren haben.» (Quelle: dpa)
Diskussion: de.soc.politik.misc
Schulleiterin will ihre Schule auflösen