Armuts-
und Reichtumsbericht
der Bundesregierung
Auszüge:
Zusammenfassung
Der Bericht orientiert sich an der Definition des Rates
der Europäischen Gemeinschaft von 1984, nach der Personen, Familien
und Gruppen als arm
gelten, „die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale)
Mittel verfügen, dass sie von der
Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie
leben, als Minimum an-nehmbar
ist“.
Vor dem Hintergrund dieses differenzierten Armutsverständnisses
wird Armut
unter einer Reihe von Gesichtspunkten, etwa relativer Einkommensarmut,
kritischen familiären
Lebensereignissen, sozialen Brennpunkten in Großstädten,
Obdachlosigkeit und Überschuldung
sowie mangelnden Bewältigungskompetenzen beschrieben.
Im Hinblick auf den Reichtumsbegriff fehlen, auch wegen des erst in
Ansätzen entwickelten
Forschungsstandes, bislang klare Definitionen und Abgrenzungen.
Orientiert am Konzept der relativen Einkommensarmut hat von 1983
bis 1998 im früheren
Bundesgebiet die Einkommensungleichheit leicht, aber kontinuierlich
zugenommen. Eine
vergleichbare Entwicklung war in den Jahren von 1993 bis 1998 auch
für die neuen Länder
feststellbar. Trotzdem war dort die Ungleichheit der Einkommensverteilung
auch 1998 noch
weniger stark ausgeprägt als im früheren Bundesgebiet.
Abhängig von den verschiedenen Annahmen (Auswahl der Gewichtung,
des Mittelwerts
und der Einkommensgrenze) waren 1998 im früheren Bundesgebiet
zwischen 6,6%
und 20% der Bevölkerung (ohne Ausländer) diesem
unteren Einkommensbereich
zuzurechnen.
Dies waren zwischen 3,9 Mio. und 11,9 Mio. Personen. In den neuen
Ländern lag der Anteil des
unteren Einkommensbereichs - unter Zugrundelegung des ostdeutschen
Einkommensniveaus -
zwischen 2,8% und 11,9%. Dies waren zwischen 0,5 Mio. und 1,8 Mio.
Personen.
Am oberen Ende der Einkommensverteilung gab es laut Einkommensteuerstatistik
im Jahr
1995 und auf Grundlage der Nettoeinkommen in Deutschland rund
13.000 Einkommensmillionäre.
Ihr mittleres Einkommen lag bei knapp 3 Mio. DM.
Das durchschnittliche Privatvermögen je westdeutschem Haushalt
belief
sich auf etwa 254.000 DM. In den neuen Ländern wurden mit rd. 88.000
DM etwa 35% dieses
Betrags erreicht.
Hinter diesen Durchschnittsbeträgen stand eine erhebliche Ungleichverteilung
der Vermögen.
So waren 1998 im früheren Bundesgebiet rd. 42%
des Privatvermögens im
Besitz der vermögendsten 10% der Haushalte,
während den unteren 50% der Haushalte nur 4,5%
des Vermögens
gehörten.
Die untere Hälfte der Haushalte verfügte
dagegen ebenso wie im früheren
Bundesgebiet lediglich über 4,5% des gesamten
Vermögens, bei einem durchschnittlichen Vermögen
pro Haushalt von 8.000 DM.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich die Ungleichheit der Einkommen
langfristig verstärkt
hat. Die Ungleichheit der Vermögen hat zwar dank staatlicher Förderung
im langfristigen
Trend abgenommen, ist aber nach wie vor beträchtlich.
Prävention und Bekämpfung von Überschuldung
privater Haushalte
Die Anzahl der Überschuldungsfälle 1999
wurde auf rund 2,8 Millionen Fälle geschätzt, das waren
7% der bundesdeutschen Haushalte. Die starke Zunahme (seit 1994:
rund 30%) war vor
allem auf die Entwicklung in den neuen Ländern zurückzuführen:
Armutsbekämpfung durch Sozialhilfe
Seit 1973 hatte sich in den alten Ländern die Bezieherzahl vervierfacht
und in den neuen Ländern seit
1991 verdoppelt. Ende 1998 erhielten 2,88 Millionen
Personen in 1,5 Millionen Haushalten
Hilfe zum Lebensunterhalt. Dies entsprach einem Anteil
von 3,5% der Bevölkerung. Die Sozialhilfequote
im früheren Bundesgebiet lag dabei mit 3,7% erheblich höher
als in den neuen Ländern,
mit nur 2,7%.
Unter den Empfängern von Hilfe zum Lebensunterhalt
waren Kinder unter 18 Jahren mit rd. 1,1
Million die größte Gruppe. Die
Sozialhilfequote von Kindern unter 18 Jahren war mit 6,8% fast
doppelt so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt und hat sich seit
1982 im früheren Bundesgebiet
mehr als verdreifacht.
Bildung stärken - Zukunft gewinnen
Bildung ist Prävention vor instabilen Lebenslagen und Armut. Denn
das Risiko des Arbeitsplatzverlustes
ist an den Bildungs- und Berufsabschluss gekoppelt: Je niedriger der
berufliche Ausbildungsabschluss,
desto höher die Gefahr der Arbeits- bzw. Dauerarbeitslosigkeit.
In Zeiten rasanten technologischen Wandels und der
elektronischen Vernetzung vieler Bereiche des gesellschaftlichen
Lebens ist es ein Anliegen der
Bundesregierung, eine „digitale Spaltung“ der Gesellschaft
in „Angeschlossene" und „Ausgeschlossene"
zu verhindern. Die Bundesregierung begleitet
und unterstützt daher die Bemühun-gen,
allen den Zugang zu den neuen Medien zu eröffnen und die Nutzung
von Computern ein-schließlich
Internet zu ermöglichen.
Fazit
Die Bestandsaufnahme der sozialen Lage in Deutschland bis 1998 zeigt,
dass das Phänomen
sozialer Ausgrenzung auch in einem wohlhabenden Land wie Deutschland
anzutreffen ist. Die
Hauptursachen für erhöhte Armutsrisiken liegen in der Erwerbssituation,
im Bildungsstatus und
in der Familiensituation. Daraus resultieren Risikogruppen, die -
auch infolge von Problemkumulationen
- in erster Linie von sozialer Ausgrenzung bedroht sind. Hierzu zählen
vor allem Arbeitslose,
Geringqualifizierte, allein Erziehende und Paare mit drei bzw. mehr
Kindern sowie
Zuwanderer einschl. Spätaussiedler.